Kinder, Kinder

Kinder, Kinder

Ich bin praktizierende Tante und zwar von 3 Mädels und das sehr gerne.
Eines Tages beschloss ich gemeinsam mit meinem Mann und den Mädels in die Schweiz zum Ski-Laufen zu fahren. Damals waren die beiden Großen, Lena und Ivonne, mitten in der Pubertät und Marie, die Kleinste war gerade 8 Jahre alt geworden. Zugegeben, von Kinder Erziehung hatte ich so meine Vorstellungen, aber wie das im Alltag tatsächlich funktionieren bzw. umsetzen sollte – war mir nicht so wirklich klar. Kinder, Kinder – kann ich da nur sagen!

Was, wenn sie anfangen zu nörgeln, zu meckern, rumzuzicken oder sonst irgendeine Handlung machten, ich mich dann vor die Frage stellten: Und welche pädagogischen Massnahmen wende ich jetzt an?

Eine gewisse Ratlosigkeit stellte sich ein. Nein, ich wollte es einfach nicht zu „Ausschreitungen“ kommen lassen. Ich wollte dem vorbeugen, also musste ich mir etwas passendes überlegen.

Den Spieß umdrehen

Eine ganze Zeit grübelte ich darüber nach, mir kam einiges in den Sinn, aber so wirklich prickelnd fand ich das dann auch nicht. Dann hatte ich plötzlich eine Idee: ich wollte den Spieß einfach umdrehen! Meinen Mann weihte ich in den Plan ein, zugegeben, er war eher skeptisch. Wenn du das für eine sinnvolle Maßnahme hältst, dann mach es halt – wir werden ja sehen, so sein Rat.
Kurze Zeit später war es soweit und wir bezogen in einen 4-Sterne Schweizer Hotel die Zimmer; Lena und Ivonne teilten sich eines, mein Mann, Marie und ich wohnten in einer Junior-Suite. Zum Abendessen trafen wir uns alle im wunderschönen und sehr geschmackvoll eingerichteten Speisesaal.

„Ich berufe jetzt erst mal den Familienrat ein“, verkündigte ich der Runde. „Was, wir sind doch gar keine richtige Familie, du bist doch nur unsere Tante,“ antwortete Marie, wie aus der Pistole geschossen. „Aber, ab jetzt sind wir für eine Woche eine Familie. Und zwar die Familie Fürchterlich.“ „Was, wieso denn das?“ fragte Lena und Ivonne konterte „das ist ja wohl man ein krasser Name.“ „Ja, stimmt, aber der Name ist Programm“. „Versteh ich nicht“ sagte Marie und schaute mich aus ihren großen Kinderaugen an. „Ganz einfach“, versuchte ich ihnen zu erklären. „Die Familie Fürchterlich hat ihren Namen ja nicht von ungefähr, sondern vollkommen zu recht.“ „Warum das denn?“ zwitscherte Marie. „Na, ganz einfach, die Familie macht immer fürchterliche Sachen, benehmen sich daneben und sind ganz laut, damit alle mitkriegen, dass sie nicht nur Fürchterlich heissen, sondern auch fürchterlich sind“.

Kann das gutgehen?

Sechs Augenpaare schauten mich ganz verdutzt an! Alles was sie entgegneten war: „aha, ach so, na dann.“
Was in den nächsten Tagen folgte, hätte ich mir im Traum nie vorstellen können: kein Gezicke, nörgeln oder jammern. Ich war bass erstaunt, denn ich hatte sie in ihrem Zuhause weiß Gott auch schon anders erlebt.

Schwestern untereinander gehen ja nicht immer so pflegeleicht miteinander um – doch, von meinen Mädels war in diesem Urlaub davon nichts zu spüren. Marie war ganz versessen auf das Bircher Müsli, das immer in einer großen Schüssel auf dem Frühstücks-Buffet stand. Da sie stets vor ihren beiden Schwestern im Speisesaal war, versorgte sie diese mit Bircher Müsli.
„Liebste Marie, ganz herzlichen Dank für deinen tollen Service“, lachten die Großen, als sie in den Speisesaal kamen. Die Ohren der anderen Gäste wurden ganz offensichtlich immer größer und sie schauten gespannt zu unserem Tisch herüber.
Natürlich war das den jungen Damen nicht entgangen und so spielten sie die perfekte Familie, sagten höflich danke und bitte, wenn sie etwas angereicht bekamen und lobten die jeweils anderen über den „grünen Klee“.

Eines Abends, wir saßen mal wieder beim gemeinsamen Abendessen, versuchte ich der Ruhe auf den Grund zu gehen und sie ein wenig aus ihrer Reserve zu locken. „Könnt ihr euch denn nicht wenigstens einmal daneben benehmen, vielleicht einen Teller hinschmeißen oder so“? fragte ich sie. „Hier?“ entgegnete Lena, „das passt doch gar nicht.“ „Und ich weiss überhaupt nicht, wie das geht, mit dem fürchterlich benehmen.“ lachte die kleine Marie.

Ziel erreicht

Wie gesagt, das war nicht nur den Hotel-Gästen aufgefallen, sondern auch der Kassieren im Supermarkt, in dem wir morgens unseren Proviant für den Tag kauften. Lena, liebte es, den Einkaufswagen ordentlich einzuräumen, Ivonne schaute auf den Einkaufszettel und ging gemeinsam mit Marie zu den Regalen, um die Lebensmittel zu holen.

Als alle drei gemeinsam dann die eingekauften Sachen in unsere Einkaufstaschen verstauten und ich bezahlte, schaute mich die Kassiererin an und sagte: „Sie haben aber liebe Kinder, die sind ja so was von gut erzogen.“

Mein Grinsen konnte ich mir einigermaßen verkneifen – ja, manchmal muss man eben den Spieß einfach mdrehen, um sein Ziel zu erreichen!
Übrigens, der Urlaub war toll, Schnee satt und die Pisten 1A!

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