Drei Frauen sind ein Theater (6)

Drei Frauen sind ein Theater

„In Beijing zu sein und die Große Mauer nicht zu besuchen, ist so ähnlich, wie in Paris den Eiffelturm zu ignorieren“, philosophierte Frau Wang schon am frühen Morgen.
Die Fahrt zur Mauer kam uns sehr zäh vor. Der dichte Verkehr in der Stadt und die vielen Staus kosteten schon Nerven.

Doch als sich der Horizont öffnete, und wir auf den Silhouetten der Berge so etwas wie eine Mauer sahen, schlugen unsere Herzen schon merklich höher. Vergessen war der Unmut über die Autofahrt. Da war sie nun – die Große Mauer.
„Wir sind hier am Eingang ‚Ba Da Ling North Tenth Tower’“, verkündete Frau Wang und schon stürmte sie zum Kassenhäuschen, um unsere Eintrittskarten zu kaufen.

Zunächst mussten wir an vielen geschäftstüchtigen Chinesen vorbei kommen, die auf Touristenjagd waren. Angelika lächelte sie alle freundlich an und ließ sich bereitwillig chinesischen Krimskrams zeigen. Sie folgte ihnen sogar bis zu ihren kleinen Verkaufsständen und schaute sich das ganze Zeug mit sichtlicher Begeisterung an.
Jetzt will sie offenbar keine Klunker mehr, sondern interessiert sich für chinesischen Kitsch. Und warum ist die zu denen so was von freundlich? Das ist ja schon fast ein bisschen unheimlich! Meine Kobolde wunderten sich, und ich musste ihnen zustimmen. 

Auf die Mauer

„Der Aufstieg zur Mauer ist sehr eng“, erklärte Frau Wang, als Angelika endlich zu uns stieß. 

„Lassen sie uns oben auf die rechte Seite gehen, denn die ist viel ruhiger, weil hier nur sehr wenige Touristen sind. Da kann ich ihnen alles viel besser vortragen.“
Oh, oh, wird das jetzt ein Endlos-Vortrag, so, wie die Mauer? Die ist ja auch endlos lang, meine Jungs befürchteten Schlimmstes.
„Dieser Abschnitt ist der erste, der 1957 restauriert und für die Touristen freigegeben wurde“, verkündete sie weiter, „an dieser Stelle ist die Mauer circa. sechs Meter breit.“

Frau Wang wusste viel, nein, ich glaube, sie wusste einfach alles über die Große Mauer. Und sie liebte sie, das merkte man – entsprechend ausführlich wurde ihr Bericht. Sofort wurde klar, dass sie nicht zum ersten Mal hier oben war. Sie hatte eine spezielle Schrittfolge, die ihr ein rasantes Tempo ermöglichte, so dass wir beide unsere wahre Mühe hatten, ihr zu folgen.
„Die Stufen sind aber auch gemein“, hechelte Angelika hinter mir her.
Sport ist eben doch gut für die Fitness, freuten sich meine Jungs, das kann man mit einem Sportwagen nun wirklich nicht kompensieren.
„Da drüben ist übrigens eine Seilbahn.“ Frau Wang deutete auf den gegenüberliegenden Abschnitt der Mauer und wollte schon weitergehen.
„Und warum haben wir die nicht genommen?“ keuchte Angelika immer noch.

„Mir gefällt dieser Touristentransport ganz und gar nicht.“ Frau Wangs Stimme hatte einen veränderten Tonfall. „Wieso nicht?“
„Weil das keine Seilbahn ist.“ Jetzt war sie gereizt. „Das ist eine Sommerrodelbahn. Für die muss man extra bezahlen.“ Sie war richtig in Fahrt. „Und außerdem ist der Startpunkt in einem Bärenpark. Und das Bärenfüttern ist auch noch kostenpflichtig.“

Gleich kriegt sie einen Herzinfarkt, meine Kobolde sorgten sich um Frau Wang.
„Wissen sie, das alles gefällt mir persönlich überhaupt nicht. Unsere Mauer ist Weltkulturerbe, da baut man doch keine Rodelbahn hin!“

Wir verstanden Frau Wangs Entrüstung. Der Ausblick von hier oben war einfach nur gigantisch. Beeindruckend, wie sich die Mauer, einem Lindwurm gleich, in dieser Atem raubenden Landschaft über die Berggipfel schlängelte.

Ob Angelika sie ablenken oder aufmuntern wollte, war mir unklar, jedenfalls verwickelte sie Frau Wang in ein Gespräch über den Chinesen an sich. Sie brachte es sogar fertig, dass wir gemütlich auf den Treppenstufen saßen und plauderten.

„Sind die Chinesen eigentlich immer so sanft und so fröhlich?“
Frau Wang lachte laut. „Ja, das wird uns Chinesen nachgesagt. Und das sind wir eigentlich auch – jedenfalls meistens. Bis auf eine Ausnahme.“

„Und die wäre?“
„Das ist der Straßenverkehr. Egal, ob im Auto, in der U-Bahn oder im Bus, hier vergessen wir komplett unsere guten chinesischen Umgangsformen.“ 

„Das habe ich auch schon bemerkt, da wird ja ganz schön gedrängelt.“

„Stimmt, von Zurückhaltung keine Spur.“
„Man sagt den Chinesen auch nach, dass sie neugierig seien. Sehen sie das auch so?“
„Ich würde eher sagen, wir sind interessiert und lernbereit. China ist im Aufbruch und da ist für alle Lernen angesagt.“ Wer ist jetzt bitte neugierig? meldeten sich meine Jungs. „Sie waren ja auch schon mal in Deutschland, Frau Wang, da waren sie sicher auch in einem Supermarkt. Wie ist denn in Beijing die Versorgung mit Lebensmitteln?“
Frau Wang lachte erneut. „Fast so gut wie bei ihnen in Deutschland.“
„Aha?“
„Unsere kleinen Lädchen und großen Supermärkte haben nahezu rund um die Uhr geöffnet.“ Hat die gedacht, hier gibt’s am Wochenende nichts zu essen oder wie? frotzelten die Jungs.
„Wie werden eigentlich Ausländer angesehen?“ fragte Angelika weiter.
„Wie schon gesagt, wir Chinesen sind lernbegierig und treten daher Ausländern sehr offen gegenüber. Und unsere Völker, also die Deutschen und Chinesen haben ja auch einiges gemeinsam.“
„Ah, so? Was denn?“
„Die Chinesen trinken genauso gerne Bier, wie die Deutschen.“
Gute Antwort, meine Kobolde freuten sich über diese Reaktion. 

Angelika hatte den kleinen Scherz offensichtlich nicht als solchen aufgefasst, sondern fragte sofort.
„Ist man in Beijing eigentlich sicher, ich meine als Frau?“ Was zum Teufel soll denn diese Frage? Die Jungs konnten sie so gar nicht einordnen.
„Die Antwort können sie sich schon fast selbst geben, liebe Frau Brett-Schuster.“
Ist die jetzt genervt?
„Ich verstehe nicht ganz.“
„Na sehen sie, sie sind doch alleine mit ihren beiden Freundinnen hier in Beijing. Sind sie schon einmal von einem Mann in einer, sagen wir mal, unangenehmen Weise angesprochen worden?“
„Nein.“
„Oder sind sie schon einmal verfolgt worden?“
„Nein.“
„Hat man ihnen schon mal etwas gestohlen?“
„Nein, auch das nicht.“
Gut, Frau Wang, gut, feixten die Jungs.
„China gilt als verhältnismäßig sicheres Land. Delikte gegen Ausländer werden übrigens besonders hoch bestraft. Wie überall auf der Welt sollte man dort vorsichtig sein, wo viele Menschen sind.“
„Wie kalt wird es im Winter eigentlich wirklich?
Diese Frage verstand nun wirklich keiner mehr so richtig. Ob das etwas mit dem Glühwein zu tun hat, den sie als Gastgeschenk mitgebracht hatte? Vielleicht wittert sie hier eine neue Geschäftsidee.

„Obwohl Beijing circa einhundertfünfzig Kilometer von der Küste entfernt ist, haben wir aufgrund der Lage im Westwindgürtel ein gemäßigtes, kontinentales Klima.“ „Also warme und feuchte Sommer.“

„Ganz richtig, mit Temperaturen bis zu vierzig Grad. Unsere Winter sind trocken und kalt, es kann leicht zehn oder auch fünfzehn Grad minus werden.“
Warum um alles in der Welt will die das alles wissen? Will die einen Reiseführer schreiben? Meine Jungs waren sprachlos.

Und ich war es auch – jedenfalls bis jetzt.

Die Ming Gräber

„Sollen wir dann mal weiter? Wir wollten uns ja noch die Ming Gräber ansehen!“
Ich musste Angelika einfach stoppen, die hätte ihr sicher noch ein Loch in den Bauch gefragt. Frau Wang schenkte mir ein dankbares Lächeln.

Auf der Fahrt zu den Ming Gräbern dachte ich über Angelikas Verhalten nach. Irgendetwas musste sie schon tief beschäftigen. Warum sollte sie sonst so viele merkwürdige Fragen stellen?

Frau Wang und ein Kassetten-Recorder hatten etwas gemeinsam. Sobald wir eine kulturelle Stätte betraten, verhielt sie sich so, als hätten wir die ‚Play-Taste’ gedrückt und ihre Berichte sprudelten nur so aus ihr heraus. So auch am Eingang zu den Ming Gräbern.

„Wir sind jetzt ungefähr fünfzig Kilometer nördlich des Kaiserpalastes. Das ist die Begräbnisstätte von dreizehn Ming-Kaisern, Kaiserinnen und zahlreichen Konkubinen. Ich möchte ihnen vor allem den Stelenpavillon zeigen. Hier steht zwar nur eine Kopie, aber immerhin ist es die größte Stele Chinas. Kommen sie, denn wir müssen noch ein wenig laufen“, kündigte sie an.

Ein Handy klingelte.
Automatisch fischte Jede von uns in ihrer Handtasche, um nach dem Teil zu suchen.
Es war Angelikas Handy. Sie nickte kurz, was einer Art Entschuldigung: ‚Ich muss mal eben rangehen’, gleichkam und spazierte, während sie sich meldete, einige Meter den Weg entlang.
„Manfred, du?“ fragte sie entrüstet.
„Ja, liebe Angelika, ich bin es.“
„Was gibt es?“
„Ich wollte mich mal erkundigen, wie es dir geht?“
„Du willst was?“
„Mich nach deinem Befinden erkundigen. Ganz
einfach.“ „Das hast du doch die letzten Monaten, ach, was sage ich da, die letzten Jahre nicht mehr gemacht.“ „Ehrlich?“
„Ja, ganz ehrlich. Also, was willst du wirklich?“
„Sag mir, wie es dir geht?“
„Mir geht es ganz ausgezeichnet. Was um alles in der Welt willst du von mir?“
„Ich habe von Wolfgang erfahren, dass…“
„Warum in drei Teufels Namen rufst du den Mann meiner Freundin an?“
„Ich wollte mich bei ihm erkundigen, wann du aus Beijing zurückkommst.“ 

„Ich weiß nicht, was dich das noch angeht.“
„Weil – ich habe schon etwas für deine Rückkehr vorbereitet.“
„Warum das denn?“
„Ich wollte dir eine Freude machen, und…“
„Mir eine Freude machen, was sagt denn deine Freundin dazu?“
„Die gibt es nicht mehr.“
„Oh Gott, ist sie gestorben?“
„Ja, für mich schon.“
„Ach so. Jetzt verstehe ich, ihr habt euch getrennt.“
„Ja, das ist richtig. Und jetzt merke ich erst, was ich an dir hatte.“
„Eine sehr späte Einsicht.“
„Und wie sehr ich dich vermisse.“
„Das freut mich zu hören.“ Sie gab ihren Worten bewusst einen ironischen Unterton.
„Wir hatten doch so schöne Zeiten miteinander, Angelika. Weißt du noch, wie wir vor dem Lagerfeuer in Schweden saßen und unseren mitgebrachten Rotwein tranken? Erinnerst du dich noch, als du am Nordkamp vor lauter Kälte zu mir in den Schlafsack gekrochen kamst?“
„Alles Schnee von gestern und außerdem ist auch wieder ganz typisch für dich.“
„Was ist typisch für mich?“
„Romantische Dinge hast du mir, wenn du das überhaupt über deine Lippen gebracht hast, nur übers Telefon gesagt und nie, wenn wir zusammen waren.“

„Schon wieder ein Fehler von mir.“ „Stimmt, das ist es.“

„Das sehe ich ein. Aber, wir haben doch auch gute Dinge miteinander erlebt, oder etwa nicht?“
„Ja, natürlich haben wir das. Das ist doch auch normal. Nichts ist nur schlecht.“
„Ich will mit dir an diese schöne Zeiten anknüpfen. Ich gebe ja zu, dass ich Fehler gemacht habe. Ja einige, das stimmt. Aber ich vermisse dich, wie ich dir schon gesagt habe, sehr. Und ich möchte wieder mit dir zusammen sein.“ Angelika fasste sich an ihr Herz – es raste mächtig.
„Also mein Lieber, ich kann mir jetzt überhaupt keinen Reim auf dein Verhalten machen.“
„Das brauchst du doch auch gar nicht, aber…“
„Nichts, aber. Ich möchte, dass du keinen Zauber für meine Rückkehr veranstaltest, dass das schon mal klar
ist.“ „Okay, ist angekommen.“
„Ich werde mir über unser Telefonat Gedanken machen, da kannst du ganz sicher sein.“
„Das ist schön.“
„Und dann werde ich mich wieder bei dir melden.“
„Ich freue mich drauf, also bis bald, meine liebe Angelika.“ Zu ihrem Herzrasen begann jetzt auch noch ihr Kopf zu hämmern.

Im Strudel der Gefühle

Oh Gott, was für ein Chaos! In welchen Strudel der Gefühle bin ich da hineingeraten? Das gibt es doch nicht, da schiebt mich der Kerl wegen einer anderen ab, taucht für Monate unter, gibt keinen Piep von sich und jetzt so was. Jetzt will der zu mir zurückkommen. Kann das sein? Oder habe ich gerade eine Art Halluzination? Und warum nur ausgerechnet jetzt, wo ich meine Fühler ausstrecke, um in ein neues Leben zu starten? Das ist gemein, ungerecht und unfair. Nein, nein, liebes Schicksal, dieses Telefon- Gespräch soll nie stattgefunden haben, bitte!

Frau Wang und ich entdeckten sie, wie sie zusammengekrümmt auf einem Eisenstuhl saß. „Vielleicht ist sie wieder krank?“ Ich war besorgt. „Wieso, war es ihr nicht gut?“

„Ja, sie hatte heftige Kopf- und Bauchschmerzen.“
„Heute Morgen sah sie aber noch ganz gesund und fröhlich aus!“
„Stimmt, lassen sie uns mal zu ihr hingehen und sie fragen.“
„Na, ist dir wieder schlecht, Angelika?“
„Schlecht? Wieso, schlecht?“
„Weil du doch letztens fast einen Tag im Bett liegen musstest.“
„Ach so, deshalb. Ja, mir ist schlecht, aber nicht deshalb.“ „Warum sonst?“
„Manfred, mein Noch-Ehemann hat angerufen.“
„Und?“
„Er wollte sich erkundigen, wie es mir geht.“
„Das ist doch nett von ihm. Da können sie sich doch drüber freuen“, fand Frau Wang, ich konnte ihr nur zustimmen.
„Ja schon, aber eigentlich auch nicht“, sie ließ den Kopf in ihre Hände fallen.
Heult die jetzt etwa? Für meine Jungs waren heulende Frauen eine Schwachstelle, da wurden sie glatt butterweich. Was ist denn los, Mädel, wie können wir dir helfen?

„Ich bin im Moment nur ein bisschen durcheinander, das wird gleich schon wieder besser.“
Was heißt hier im Moment, Liebes? Das scheint ja wohl schon eine ganze Zeit so zu sein, stellten die beiden Kobolde fest.

„Sollen wir nach Hause fahren, Angelika?“ fragte ich sie. „Nein, nein, ist schon wieder gut.“ Abrupt stand sie auf, „lasst uns die Tour nur weiter machen, ist doch wahnsinnig interessant hier.“

Warum ärgert die sich eigentlich, wenn der Ehemann anruft? Erkundigten sich die Jungs bei mir.
Er ist zwar ihr Ehemann, aber sie sind doch schon seit einiger Zeit getrennt.

Und das ärgert sie so, dass ihr schlecht wird?
Ja, das ist wohl so. Bitte fragt mich jetzt nicht, warum. Erstens verstehe ich das auch nicht, und zweitens kann ich es nicht erklären.

Wir trafen Ingrid an der vereinbarten Stelle auf der ‚Wanfujing’ – Beijings schicker Einkaufsstraße.
„Hattet ihr einen schönen Tag?“ begrüßte sie uns.
„Ja, und wie, die Große Mauer ist gigantisch. Wie ein steinerner Fluss schlängelt sie sich durch die Landschaft“, fand ich.
„Ja und sie hat etwas Magisches an sich“, stellte Angelika fest. „Und auch die Ming Gräber waren sehr spannend.“ „Wie war es bei dir?“ erkundigte ich mich bei Ingrid. „Informativ. Ich habe so viele Einblicke bekommen, ich wüsste gar nicht, wo ich zuerst anfangen sollte, zu erzählen. Jetzt muss ich erst mal meinen Kopf wieder frei kriegen.“

„Da ist so ein Bummel ja genau das richtige“, fand ich.
Wir schlenderten die imposante Flaniermeile entlang. Kaufhäuser, Fachhandelshäuser und modernste Shopping- Center lagen auf unserem Weg.

Vor nahezu jedem Geschäft blieb Angelika stehen und schaute sich alles Genauestens an.
„Habt ihr gesehen? Hier gibt es Gucci, Escada, Prada, och, ich weiß schon gar nicht mehr, welche Designerläden ich noch gesehen habe!“

„Seit wann stehst du denn auf Designerklamotten?“ Ingrids Frage klang verblüfft.
„Tu ich doch gar nicht. Mich hat eben nur erstaunt, dass es die Marken auch hier zu kaufen gibt.“

„Ein Sprichwort sagt: ‚Wenn du etwas suchst und du findest es in Beijing nicht, dann gibt es das auch nicht’“, sagte Ingrid. „Schon mal von gehört?“
„Nö, hab ich noch nicht, gefällt mir. Muss ich mir merken. Wer weiß, wofür man diese Erkenntnis mal braucht?“ entgegnete sie fröhlich.

„Du sprichst in Rätseln, Angelika.“
Bevor die Missverständnisse weitere Ausmaße annahmen, versuchte ich die Runde mit einem meiner Sprüche zu entkrampfen, „sind eben ganz schön hip, die kleinen ‚Pikinsen’“, sagte ich und achtete darauf, dass Frau Wang außer Hörweite war.
„Die sind nicht nur hip, die sind mega-in, um nicht zu sagen trendy, progressiv und zukunftsgerichtet – eben auf der Höhe der Zeit.“

Angelikas Begeisterung fand kein Ende mehr.
Die ist ja wie ausgewechselt, beschrieben meine Kobolde Angelikas Zustand.
Eben noch zu Tode betrübt, jetzt Himmel hoch jauchzend. Was ist mit der passiert? Ich kann euch das auch nicht erklären, sorry, Jungs.

Essen am Spieß

„Haben sie schon einmal von der ‚Dong’amnen Dajie’ gehört?“ richtete sich Frau Wang an uns.
„Ist das nicht die Fressmeile, wie wir in Deutschland sagen würden?“ meinte Ingrid.
„Ja, genau. Sie ist gleich hier in einer kleinen Seitenstrasse gelegen.“
„Das muss ich sehen!“ rief ich.
Angelika fügte hinzu, „außerdem habe ich so einen Hunger. Was gibt es denn Leckeres?“
„Wie wäre es mit Schlangen-Schaschlik oder Heuschrecken-Spiess?“
„Sie wollen mich wohl veralbern, Frau Wang, was?“
„Nein, nein, das will ich nicht. Das war schon ernst gemeint. Das sind alles Spezialitäten.“

In dem Viertel reihte sich eine Essbude an die nächste. Wir wussten schon gar nicht mehr, wohin wir zuerst sehen, gehen oder an welcher Auslage wir riechen sollten. Es war fremd, es war laut und es duftete – und das alles zusammen. Als uns die Köche und Kellner entdeckten und ihre Hälse aus ihren kleinen Buden streckten, animierten sie uns, bei ihnen zu essen. Sie waren allesamt freundlich und lächelten uns herzlich an.

Als Angelika den Spieß mit den Seepferchen fotografieren wollte und die sich dann – vermutlich durch den Wind – bewegten, war sie empört.
„Die kleinen süßen Dinger kann man doch nicht essen. Das ist doch unmöglich. Die mochte ich doch als Kind schon so gerne, aber nicht zum Essen.“

„Beruhige dich, Angelika. Die brauchst du auch nicht zu essen.“ Ingrid nahm sie in den Arm. „Da steh ich auch nicht so sonderlich drauf.“
„Obwohl, sollen die nicht besonders eiweißhaltig sein?“ platzierte ich wieder einen meiner Sprüche.
„Ja, wenn schon. Das ist mir egal. Ich will doch lieber etwas Gewöhnliches essen.“
„Was ist denn bitte schön gewöhnliches Essen? Meinst du etwa Blutwurst oder Schweinebauch?“
„Nein, das natürlich nicht. So spontan fällt mir auch nichts ein. Was meinen sie denn, Frau Wang?“
„Wie wäre es denn mit gebratenem Fisch, Tofu oder eingelegtem Fleisch?“ „Tofu mag ich sehr“, schoss es aus Angelika heraus.
„Und der ist auch noch so was von gesund“, witzelte ich zu Ingrid. „Erzähl doch mal, was alles Gutes in ihm steckt.“ Hatte sie gemerkt, dass ich sie ein bisschen frotzelte? Wie selbstverständlich fuhr ich fort: „Du kannst ja schon mal üben, wie du bald deine Kunden über die Inhaltsstoffe und deren Wirkungsweise informieren wirst.“
Spätestens jetzt fiel ihr auf, „du nimmst mich auf den Arm, kann das wohl sein?“
„Ich? Nein, Frau Doktor, das würde ich mir doch nie erlauben.“

Mein Lachen konnte ich allerdings nicht lange unterdrücken.

Beim chinesischen Arzt

Wir saßen zusammen mit etwa zehn weiteren Deutschen im so genannten ‚Class-Room’ des ‚China Preserving Health Training Centers’. An den Wänden hingen Briefe von dankbaren Patienten aus aller Welt. „Vielleicht hängt unser Schreiben ja  auch bald dort“, flüsterte mir Angelika ins Ohr.

„Ach, wolltest du dich hier behandeln lassen?“ „Weiß man’s?“
„Und was willst du behandeln lassen?“
„Keine Ahnung.“

„Was fehlt dir denn?“
„Weiß ich nicht.“
„Und wie geht es dir?“
„Das sollen die mir sagen.“
„Na, du bist vielleicht eine Flocke, das solltest du aber schon wissen.“

„Wieso? Bin ich Arzt oder die?“
Staunend sah ich sie an.
„Na, dann lassen wir uns mal überraschen.“

Herr Wei, ein junger Chinese im weißen Kittel, begrüßte uns in perfektem Deutsch.
„Westliche Besucher sind nichts Ungewöhnliches für uns. Wissen sie, chinesische Reiseagenturen organisieren solche Vorträge, zu dem sie heute bei uns sind. Außerdem haben sie eine Reihe von Fachprogrammen mit Führungen durch Krankenhäuser im Angebot. Zahlreiche Ärzte, vor allem aus dem deutschsprachigen Raum, kommen zu uns, und nehmen an Fortbildungs-Seminaren teil, wie zum Beispiel ihre Freundin Frau Doktor Ingrid Schwedmann“, sagte er und machte dabei eine freundliche Geste in unsere Richtung.

„Woher weiß der das nur?“ hauchte Angelika in mein Ohr. „Wahrscheinlich, weil wir auf den beiden einzigen reservierten Plätzen sitzen“, hauchte ich zurück.
„Ach so, verstehe.“
„Das Interesse an unserer Traditionellen Chinesischen Medizin ist enorm gestiegen“, fuhr Herr Wei fort. „Die Menschen suchen nach alternativen Heilmethoden, weil viele der Ansicht sind, dass die westliche, also ihre Schulmedizin, an ihre Grenzen stößt. Das ist auch der Grund, weshalb Patienten aus Europa zur Behandlung anreisen. Sehen sie sich einmal die Dankschreiben an, die wir hier an der Wand aufgehängt haben. Auf der rechten Seite finden sie übrigens die aus Deutschland.“
Ist das jetzt eigentlich Werbung, was der macht? meldeten sich meine Kobolde zum ersten – aber bestimmt nicht zum letzten – Mal an diesem Tag.
Könnte man im weitesten Sinne so sehen, stimmte ich ihnen zu.

Herr Weis Vortrag über die Traditionelle Chinesische Medizin war spannend, lehrreich und sehr lang. In der herbei gesehnten Pause wurde bei grünem Tee weiter gefachsimpelt.

Alles keine Experten hier in der Gruppe. Warum sind die eigentlich hier, wenn die schon alles wissen? fragten meine Jungs.

Vielleicht, weil das so typisch deutsch ist, überall mitzureden, spekulierte ich.

Dann erschien Doktor Hu, ein recht gütig aussehender älterer chinesischer Herr mit Kochtopfhaarschnitt. Er spräche nur Chinesisch übersetzte Herr Wei.
Später ließ Doktor Hu fragen, wer sich aus der Gruppe nicht gut fühlte.

Oh, nein, bitte melde dich nicht, dachte ich und sah Angelika schräg von der Seite an. Du weißt doch selbst nicht, wie es dir geht. Was willst du dem denn sagen? Das wäre megapeinlich, fügten meine Jungs hinzu.
Wenige Augenblicke darauf erhob sich eine ältere Dame, sie klagte über heftigste Kopfschmerzen.
Doktor Hu ließ sich ihre Zunge zeigen, prüfte Farbe, Form und Belag, fühlte mit drei Fingern lange ihren Puls und stellte ihr einige Fragen – Herr Wei dolmetschte.
Nachher desinfizierte er einige Stellen an ihrem Nacken, setzte verschiede lange Nadeln auf die Akupunkturpunkte an und stimulierte sie durch kurzes Drehen.
So saß die Dame auf einem kleinen Holzschemel.
Nach ungefähr zehn Minuten erkundigte sich Doktor Hu, wie stark die Kopfschmerzen seien.
„Schon deutlich weniger“, sagte sie und nach weiteren zehn Minuten, „jetzt sind sie nur noch ganz schwach.“
Die Augen des Arztes und seines Dolmetschers leuchteten, was einem Hauch von Begeisterung gleichkam.

Das war getürkt, protestierten meine Jungs, die wurde doch vorher bestellt. Das ist doch klar.

Überraschend betraten zehn – mit weißen Kitteln bekleidete – Chinesen den Class-Room. Auch sie hatten überwiegend Kochtopfhaarschnitte. Sie waren, wie uns Herr Wei erklärte, Ärzte und ihre Dolmetscher.

Nacheinander wurden sie vorgestellt, verbeugten sich freundlich und fielen Heuschreckenartig über uns Langnasen her. Jeweils ein Arzt und ein Dolmetscher kümmerten sich um zwei Teilnehmer.

Wir bekamen die Spezialbehandlung – wahrscheinlich dank Ingrids Einfluss – durch Doktor Hu und Herrn Wei.
Zuerst war ich an der Reihe.
Beim ‚aaah’-Sagen, betrachtete der Arzt ausgiebig meine Zunge. Nach Fühlen des Pulsschlags, begann er mit den Fragen: „Haben sie Blähungen nach dem Essen?

Haben sie manchmal taube Fingerspitzen?
Wie alt sind sie? Tun ihre Füße weh?
Haben sie matte Beine?“
Ich versuchte alles wahrheitsgemäß zu beantworten und ließ nicht zu, dass sich meine Kobolde mit ihrer spitzen Zunge in den Dialog einmischten – dafür war mir die Sache zu wichtig.

„Sie haben eine starke Windempfindlichkeit“, übersetzte Herr Wei. „Sie sollten sich vor jeder Form Zugluft in Acht nehmen. Sonst können sie Probleme mit den oberen Atemwegen bekommen.“

Ich nickte zustimmend.

Also stimmt ihre Diagnose, triumphierten die Jungs, jetzt, am Ende meiner Untersuchung.
Und schon widmete sich Doktor Hu Angelika.
Die Zungen- und Puls-Zeremonien wiederholten sich und auch sie beantwortete die Fragen, die sich teilweise von meinen unterschieden.

„Organisch sind sie in Ordnung“, befand er, „aber sie leiden unter Stress. Sie sind wohl seit längerer Zeit aus dem Gleichgewicht.“
Doktor Hu blickte Angelika ernst an.

Angelika war sichtlich irritiert.
Offensichtlich wollte sie sich in meinem Beisein nicht mit der Diagnose auseinander setzen.
„Ich möchte gerne das Gespräch unter vier, nein natürlich sechs Augen fortsetzen“, bat sie den Dolmetscher.

Als die drei den Raum verließen, war auch ich sichtlich irritiert.
War doch klar, dass mit der was nicht stimmt, so merkwürdig wie die in den letzten Tagen ist. Hat ja auch Ingrid schon bemerkt. Nur, was ist das bloß? Meine Jungs waren neugierig und besorgt zugleich.

Ein besonderer Duft

Ein eigenartig fremdes Dufterlebnis schlug uns beim Betreten der instituteigenen TCM-Apotheke entgegen, die wir zum Abschluss besichtigten. Ein Apotheker führte uns durch sein Reich. Schränke mit hundert kleinen Schubladen, die sich schier endlos aneinander reihten, enthielten Kräuter, Holzscheiben, Blätter, Stängelchen, Blüten, Kügelchen und jede Menge weiterer Zutaten. Wir entdeckten Skorpione und Tausendfüßler, Baumrinden, Eidechsen und vielerlei Unbekanntes, was dekorativ in großen Gläsern, nicht nur uns Besucher gezeigt werden sollte, sondern tatsächlich für die unterschiedlichen Rezepturen eingesetzt wurde.

Unsere Gruppe war von dem Anblick fasziniert. Alle, bis auf Angelika.
Sie stieß erst wieder zu uns, als wir freundlich und mit vielen Verbeugungen von den Ärzten, ihren Dolmetschern und dem Apotheker verabschiedet wurden.

„Und, was ist?“ Die Frage brannte mir auf den Lippen. „Ja, soweit ist alles in Ordnung. Ich hab halt nur Stress.“ „Woher kommt der?“
„Weiß nicht.“

„Und was hat er dir geraten?
„Ich soll mich mehr bewegen.“
Na, das ist ja für uns keine neue Erkenntnis, meinten meine Jungs.
„Und was sollst du machen? Joggen, Walken oder Kampfsport?“
„Nein, nein. Er hat mir geraten ‚Tai-Chi zu lernen.“
Also nix mehr nur mit Sportwagen fahren, feixten sie weiter. „Soll das nicht den Kopf wieder zur Ruhe bringen?“ fragte ich sie.
„Kann schon sein, jedenfalls ist das ja sowieso nur rein prophylaktisch. Vorbeugen ist eben doch besser als heilen.“ Ich fand das alles irgendwie merkwürdig.

In der Nähe der Botschaften und des Lufthansa-Centers, einem Luxustempel, der gehobenen Geschmäckern in jeglicher Weise gerecht wird, liegt das internationale Kneipenviertel ‚Sanlitun’.

Quer über die lange, enge Straße hingen diese typisch roten chinesischen Lampions. Laute Musik hallte uns aus den dicht an dicht gedrängten Kneipen entgegen.
„Habt ihr gesehen, hier gibt es Live-Musik“, schrie Ingrid. „Ja, und Karaoke“, schrie ich zurück.

„Wollen wir mitmachen?“ fragte Angelika scherzhaft. „Wenn du wüsstest, wie ich singe, würdest du diesen Vorschlag sofort zurückziehen“, brüllte ich zurück. Allgemeines Gelächter brach aus.

Uns zog es weiter die Straße hinunter, dorthin, wo es deutlich ruhiger war und ohne Musik, bei der man sich gegenseitig anschreien musste.

Plötzlich blieb Ingrid stehen.
„Was ist?“ erkundigte ich mich.
„Seht ihr die Frau da drüben an dem Tisch?“
Unsere Köpfe wanderten in die Richtung, die sie uns andeutete.
„Welche denn?“
„Die mit der roten Bluse.“
„Ja“, antworteten Angelika und ich wie aus einem Munde. „Was ist mit der?“
„Die kenn ich.“
„Ja, toll. Du kennst jemanden hier in Beijing, klasse. Dann geh hin und begrüße sie“, schlug Angelika vor.
„Nein, das geht nicht.

„Wieso denn nicht?“
„Ich weiß nicht, woher ich sie kenne.“
„Dann überleg doch mal schnell, vielleicht fällt es dir gleich wieder ein.“
So sehr sich Ingrid anzustrengen schien, das konnte man an ihrer in Falten gekrausten Stirn erkennen, sie zuckte nur mit den Schultern. „Ne, es fällt mir beim besten Willen nicht ein.“
„Na, ist doch auch nicht so schlimm. Dann geh einfach hin und begrüße sie so.“
„Wie jetzt?“
„Na eben ohne Namen. Sag ihr einfach, du wüsstest nicht, wohin du sie stecken sollst.“
Ja, ja, liebe Ingrid das kann in deinem Alter schon mal leicht passieren, dass man sich an etwas nicht mehr erinnert. Und Ärzte sollen ja auch unter so was leiden, meine Kobolde waren heute Abend besonders charmant. „Ach, dann spreche ich sie halt an.“
Damit trat Angelika demonstrativ einen kleinen Schritt nach vorne.
„Nein“, rief Ingrid laut, „das kommt gar nicht in Frage. Das werde ich ja wohl noch alleine hinkriegen.“
Angelika schmunzelte und meine Jungs kommentierten, siehste, geht doch.

Energisch schritt Ingrid auf die Frau mit der roten Bluse zu. „Entschuldigen sie bitte, dass ich sie so einfach anspreche.“
Warum macht die das eigentlich auf Deutsch? Und nicht auf Englisch, wie man das eigentlich sonst tut, im Ausland?

Zufälle gibt’s

Darauf konnte ich den Beiden keine Antwort geben, ich wusste es auch nicht.
„Ich kenne sie irgendwo her, leider fällt mir im Moment nicht ein, woher.“
Die Frau in der roten Bluse unterbrach ihre Unterhaltung mit den überwiegend chinesischen Anwesenden und blickte Ingrid Sekunden, nein eher Minuten intensiv und schweigend an. Plötzlich fing sie lauthals an zu lachen. „Ingrid, du bist Ingrid, richtig?“
„Ja,
aber…“ „Ich bin’s Uta. Uta, von der Uni. Erkennst du mich nicht mehr?“ „Uta, ja, jetzt kommt so langsam meine Erinnerung zurück. Wir haben zusammen studiert, richtig?“
„Ja, richtig. Das sind, lass mich mal schnell nachrechnen, schon fast zwanzig Jahre her.“
„Was soviel schon?“
„Die Zeit vergeht.“
„Das sagst du was.“
„Du hast dich gar nicht verändert“, lachte Uta und schloss sie spontan in die Arme.
„Wie geht es dir? Und was machst du überhaupt hier in Beijing?“
„Wie geht es dir? Und was führt dich hierher?“
Können die sich mal einigen, wer fragt und wer antwortet? Mit diesem nur Frage-Spiel erfahren die doch nie was über die andere, zeitweilig waren die Jungs auch ungeduldig.

Angelika und ich standen in einem gebührenden Abstand, trippelten von einem Fuß auf den anderen … in Teil 7 geht’s weiter.

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