Drei Frauen sind ein Theater (1)

Drei Frauen sind ein Theater

Plötzlich war er wieder da, dieser pochende Schmerz. Augenblicklich nahm ich meine Hände von der Tastatur, schloss meine Augen und hörte in mich hinein. Das Druckgefühl breitete sich in meinem ganzen Kopf aus, zog über die linken Wagenknochen und konzentrierte sich über dem Auge. Ich drehte mich auf meinem Schreibtisch-Stuhl um hundertachtzig Grad, bückte mich leicht nach vorne über, kam mit dem Kopf wieder nach oben und wartete: Ein heftiger, diffuser Kopfschmerz war der Dank.

Ich saß ganz still da und wagte nicht, mich auch nur einen Zentimeter zu bewegen. Ich ging einfach davon aus, wenn ich mich nicht rühre, geht der Kelch an mir vorbei. Was sich natürlich als Trugschluss herausstellte, denn Minuten später wurde mir klar, dass dies der Anfang einer beginnenden Nasennebenhöhlen-Entzündung sein könnte. Na klasse, ausgerechnet jetzt, wo ich sie am allerwenigsten gebrauchen kann. Eine Auszeit ist beim besten Willen nicht möglich, ich brauche vielmehr einen klaren Kopf, da ich für meinen Kunden noch so Mancherlei in die Wege leiten muss.

Hatte ich doch gerade erst International Cosmetics’ davon überzeugt, die Einführung ihrer neuen Perlencreme mit einem Incentive zu unterstützen.
Zugegeben, meine Idee liegt – in gewisser Weise – dicht neben dem Produkt. Aber, das ist ja gerade das Gute daran: Sie ist einfach und logisch.

Außerdem hätten die Produktverantwortlichen, egal ob Marketingdirektor, Marketingleiter, Produktmanager oder aber der kleine Assi, wie ich ihn immer nenne, auch selbst darauf kommen können. Aber bei dem ganzen Marketing- Getümmel haben sie den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen. Auch deshalb ist die Idee der Perlenkette als Incentive einfach genial. Punkt! Das kann ich mir erst einmal auf meine eigenen Fahnen schreiben.

Oh Schmerz lass doch bitte nach

Aber der Schmerz in meinem Kopf war einfach unerbittlich. Ob das schon wieder diese fiesen Bakterien waren, die sich da breit machten? Bestimmt versammelten sie sich wieder und wollten mich zur Ruhe zwingen. So ganz nach dem Motto: Du arbeitest jetzt nicht mehr – dafür sorgen wir schon. Oh Mann, oh Mann, ich könnte glatt zur Mörderin werden.

Dabei müsste ich mich dringend darum kümmern, woher ich diese Perlenketten bekomme. Denn kosten dürfen sie ja nichts. Das war ja auch wieder so richtig typisch: Muss nach hundert Euro aussehen, aber nur zehn Euro kosten. Bis zur Einführung im Weihnachtsgeschäft blieb nicht mehr viel Zeit. Gerade dann sind die Umsätze am höchsten, wenn da nicht die Kasse klingelt, wann sonst? Klar, das konnte ich als Unternehmensberaterin nur unterschreiben.

Aber mein Kopf? Der sah das anscheinend ganz anders. Der pulsierte ohne Unterlass und wollte anscheinend gar nicht aufhören. Was sollte ich nur machen? Immer dieses Antibiotikum war auf Dauer keine Lösung.

Ich hielt meinen Kopf in Händen, schloss erneut meine Augen und versuchte nachzudenken. Doch es wollte mir nicht so recht gelingen. Stattdessen sah ich im Geiste viele kleine weiße Perlen, die fröhlich in einen Cremetopf hinein und wieder hinaus sprangen, bis sich schließlich alles zu einem großen Brei vermischte.

Spätestens jetzt wurde mir bewusst, dass ich dieses Problem schon sehr lange aufgeschoben habe. Typisch für mich, denn ich gehe wirklich nicht gerne zum Arzt, obwohl ich durchaus auch positive Erfahrungen gemacht habe, wie zum Beispiel mit Ingrid, meiner Hausärztin.
Als ich damals mit ähnlichen Beschwerden wie heute nach einer Hongkong-Reise zu ihr ging, diagnostizierte sie eine Wind-Empfindlichkeit als Ursache.
Ingrid wendet neben den Methoden der klassischen auch die Traditionelle Chinesische Medizin an. Deshalb verschrieb sie mir eine, eigens für mich zusammengestellte, Teemischung aus chinesischen Heilpflanzen, die mir wirklich sehr geholfen hatte.
Aber irgendwie war ich damals nicht wirklich konsequent, denn nach Abklingen der Beschwerden vergaß ich einfach den Tee und so schlich sich allmählich die Lösung mittels Antibiotika ein. Doch das sollte jetzt endgültig ein Ende haben.

Das Telefon schellte ganze zwei Mal durch und schon vernahm ich die weiche Stimme der Arzthelferin: „Guten Tag hier ist die Praxis von Frau Doktor Ingrid Schwedmann. Sie sprechen mit Sabine Schmitz, was kann ich für sie tun?“

„Ja, hallo Frau Schmitz, hier spricht Lena Lüders. Ich glaube, bei mir kündigt sich wieder eine handfeste Sensuitis an. Und dass passt mir ausgerechnet jetzt überhaupt nicht.“

„Ja, Frau Lüders, das ist aber nett, dass sie sich mal wieder melden“, fast flüsterte sie in den Telefonhörer. „Ach dat is aber och schlimm. Da woll’ n ma ens loore, wat m’e da mache könne“, säuselte sie auf Kölsch weiter.

„Kommen ́se rin, wir mache dat schon‚ me zwei. Ich froch ens nooch.“
Frau Schmitz wartete meine Antwort erst gar nicht ab und schob mich in die Warteschleife, wo mir aus dem Telefonhörer der Bläck Fööss Song: „Es gibt ein Leben nach dem Tod“ entgegen dröhnte. Gott sei Dank war der instrumental, doch wer kennt ihn hier in Köln eigentlich nicht? Das war schon irgendwie makaber.

„Sie, Frau Lüders, jejt klar, se könne künne.“ Na fein, dachte ich, endlich mal etwas, was heute funktioniert. „In Ordnung, Frau Schmitz, dann bin ich um achtzehn Uhr bei ihnen.“ „Machen ́se et joot, bis jlich“, flötete sie in den Telefonhörer.

Fünf Minuten vor sechs wurde ich von Frau Schmitz herzlich begrüßt. Sie dirigierte mich mit den Worten: „Jon ́se durch, die Frau Doktor kütt jlich“, in das Sprechzimmer und deutete auf den Stuhl vor dem Schreibtisch. Kaum saß ich, als Ingrid das Sprechzimmer betrat.

Helfer in der Not?

„Ja, hallo meine Liebe“, lachte sie und nahm mich dabei fest in ihre Arme. „Schön dich zu sehen.“ Sie löste ihre Umklammerung, schob mich etwas von sich weg und betrachtete mich kritisch.

„Gut siehst du aber nicht gerade aus. Dein linkes Auge ist ganz geschwollen.“
„Im Moment fühle ich mich, als würden in meinem Kopf Bakterien Mambo tanzen. Ich kann einfach keinen klaren Gedanken fassen.“

„Na, das kriegen wir schon wieder hin. Setz dich erst mal und erzähl, wie es angefangen hat.“
Ingrids nette Art beruhigte mich schon sehr, sie hatte so etwas Umsorgendes und genau das tat mir jetzt richtig gut. „Ich habe wirklich keine Erklärung dafür, wie es wieder so weit kommen konnte“, beendete ich meinen Bericht.

„Um mir ein genaues Bild machen zu können, muss ich mir deine Nase und die Nasennebenhöhlen mal genauer ansehen“, sagte sie und deutete mit einer Handbewegung an, dass ich mich auf den Untersuchungsstuhl setzen solle. „Du willst doch nicht etwa jetzt mit deinem Folterinstrument in meine Nase gucken, oder?“ „Das ist kein Folterinstrument, sondern ein kleines, nettes Endoskop“, belehrte sie mich. „Aber du weist schon, wie empfindlich ich bin und deshalb keinen Hals-Nasen-Ohren-Arzt an meinen Kopf lasse?“ „Beruhige dich, du wirst nichts spüren und es tut auch nicht weh“, versuchte sie mich zu besänftigen.
Es half nichts. Ingrid neigte meinen Kopf sanft nach hinten. Durch meine Anspannung wurde meine Atmung immer flacher und immer schneller. Ich musste mich voll auf den Vorgang konzentrieren, um eine Übelkeit erst gar nicht aufkommen zu lassen.

Ingrid bemerkte das natürlich. Während sie meine Nase von innen betrachtete, sagte sie fast beiläufig: „Ach, übrigens, ich bin zu einem TCM-Fortbildungslehrgang nach Beijing eingeladen.“

Beijing, China ging es mir durch den Kopf. Interessant. Darüber müssen wir sprechen. Aber meine Genickstarre verhinderte, dass ich auch nur einen Ton von mir geben konnte. Eine halbe Ewigkeit später, so schien es, gab mir Ingrid durch ein leichtes Kopfnicken zu verstehen, die Untersuchung sei nun vorbei, und ich könne mich wieder aufrecht hinsetzen.

Sogleich brach die Rheinländerin in mir durch und meine Sensuitis war für einen Augenblick wie weg geblasen. „Ingrid, Beijing, das ist ja spannend. Erzähl doch mal: Wann fährst du und fährst du alleine oder begleitet dich dein Mann und wie lange bleibst du überhaupt?“

Lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen, wollte ich ihr schon entgegen rufen, bis mir auffiel, das der Vergleich wohl eher unpassend schien. Also wartete ich geduldig – und Geduld zählt nicht zu meinen Stärken – bis Ingrid ihre Hände gewaschen hatte und sich auf den Stuhl mir gegenüber niederließ.

„Ich habe dir doch erzählt, dass ich vor Jahren meine TCM- Ausbildung teilweise in China absolviert habe. Dr. Sheng vom‚ China Preserving Health Training Center’ hat mich schon mehrfach eingeladen, doch bisher fehlte mit einfach die Zeit dazu. Der nun angebotene Fortbildungslehrgang beschäftigt sich unter anderem mit ‚Tuina’, das ist die  manuelle chinesische Therapie, die mich schon seit längerem sehr interessiert. Und so habe ich mich entschlossen, Mitte August hinzufliegen. Nein, mein Mann Wolfgang kommt nicht mit. Ich fliege mit Angelika und wir bleiben einige Tage. Sonst noch Fragen, Liebelein?

Jetzt hat sie auch schon diese kölsche Art angenommen, ob sie zu ihren Patientinnen auch Liebelein sagt, schoss es mir durch den Kopf. Und was ich für Fragen hatte.
„Welche Angelika?“ schaute ich sie fragend an, „kenn ich die?“
„Meine alte Schulfreundin Angelika. Von der habe ich dir doch schon des Öfteren erzählt. Die in Buxtehude wohnt.“ Wahrscheinlich starrte ich etwas nichts sagend drein.
„Die Lehrerin“,sagtesieundzogdasWortLehrerin bewusst in die Länge, gerade so, als müsste bei dem Wort mein Knoten platzen.
„Angelika, Lehrerin, Buxtehude, alte Schulfreundin“, dachte ich laut nach. „Weiß ich nicht, ehrlich gesagt. Wie heißt die denn mit Nachnamen?“
„Na, Brett-Schuster.“
Das war es, das hatte ich mir gemerkt. Das passte ganz genau zu meinem Lehrer-Vorurteil: Alle Lehrerinnen haben einen Doppelnamen. Jedenfalls die, die ich kenne und das ist schon eine beträchtliche Anzahl.
„Ach so die“, bemerkte ich ein wenig abfällig. „Ja klar, die ist mir schon ein Begriff, obwohl ich sie eigentlich nie persönlich kennen gelernt habe. Und warum fährst du gerade mit ihr?“ Ich war doch ein klein wenig erstaunt. „Ganz einfach, ich will ihr etwas Gutes tun. Sie hat sich von ihrem Mann getrennt und hat einen Durchhänger, wie man so schön sagt. Da ist eine so aufregende Stadt wie Beijing genau das richtige Mittel, um sie wieder auf andere Gedanken zu bringen. Außerdem sind dann auch in Niedersachsen gerade Schulferien.“

„Aha, verstehe. Und wo wohnt ihr?“ „Stell dir vor, ich bekomme ein möbliertes Appartement vom Institut und zwar kostenlos. Es hat zwar nur ein Schlafzimmer, aber dafür liegt es zentral. „Das hört sich viel versprechend an.“
Mein Kopfkino war schon auf Beijings Straßen unterwegs: Wie es da wohl aussehen mag? Ob es wirklich so viele Fahrräder gibt?
„Aber nun zu dir, Lena. Was machst du so?“

Ich schreckte ein wenig aus meinen Träumen auf, sah Ingrids weißen Kittel und begriff, es ist nicht Beijing, du bist in Köln. Kaum hatte mich die Realität wieder, da meldete sich gleich mein Kopf und pochte erneut.
Doch ich wollte nicht unhöflicher Weise sofort nach der Diagnose fragen, sondern zuerst auf Ingrids Frage eingehen. Also erzählte ich von ‚International Cosmetics’ und meinem Projekt mit der Perlencreme.
Ingrid gefiel anscheinend meine Idee, sie lauschte konzentriert und nickte zustimmend mit dem Kopf.
„In den letzten Tagen habe ich im Internet nach günstigen Einkaufsquellen recherchiert. Alles, was wir uns leisten können, sieht einfach billig aus – das geht gar nicht. Wahrscheinlich hat auch deshalb mein Kopf so unablässig gehämmert“, schloss ich meinen Bericht.
„Und warum kaufst du die Perlenketten nicht in Beijing?“

„In Beijing, ach so nah doch?“ fragte ich und grinste Ingrid verdutzt an.
„Ja, komm doch einfach mit und kaufe sie im Perlenmarkt von Beijing. Da bekommst du sehr gute Qualität zu einem sehr günstigen Preis.“

Ein Perlenmarkt in Beijing? Günstige Preise, gute Qualität? Die halbe Weltproduktion vieler Konsumgüter kommen aus China, warum also nicht auch Perlen?
Warum um alles in der Welt war ich eigentlich nicht auf die Idee gekommen? Ich ärgerte mich schon ein wenig über mich selbst. Schließlich bin ich doch hier die Kreative von uns beiden. Mir fällt doch sonst immer alles ein.

Lag es an meinem Kopf, oder dass ich vor lauter Perlengedöns das Nahe liegende auch nicht mehr sah? War es das? Ich wusste es nicht.
Es war mehr als müßig darüber nachzudenken. Ingrid hatte den entscheidenden Impuls gegeben – basta, dem musste ich mich jetzt einfach stellen.
„Das ist die Lösung. Diese Idee hätte von mir sein
können “, sagte ich anerkennend.
„Oh, das Lob aus deinem Mund freut mich besonders“, lachte sie und ihre langen roten Locken wippten dabei fröhlich hin und her.
„Aber ich kann doch nicht so einfach mitfliegen. Angelika will doch sicher mit dir alleine sein. Ihr habt euch doch bestimmt viel zu erzählen. Und gibt es denn überhaupt noch Flüge?“ sprudelte es nur so aus mir heraus.
„Warum soll das nicht möglich sein?“ fragte Ingrid erstaunt. „Nach Flügen kann man sich erkundigen und Angelika hat ganz sicher nichts dagegen, wenn du mitfährst. So wie sie im Moment drauf ist, ist sie sicher für jede Ablenkung dankbar. Ich werde sie fragen, wenn dich das beruhigt“, kommentierte sie meine Einwände.

Ach eine Lehrerin, du meine Güte, ich wollte schon immer mit einer Lehrerin auf Reisen gehen. Und dann noch nach Beijing. Eigentlich passte die doch nicht wirklich zu mir. Nun komm, hörte ich meine innerste Stimme – die ich je nach Stimmungslage als meine Kobolde oder meine Jungs bezeichne – zu mir sprechen: Bedenken hin oder her. Das ist wirklich die Chance für dich, eine Einkaufstour nach Beijing zu unternehmen und dabei eine Freundin an der Seite zu wissen, die chinesisch spricht. Jetzt gib dir mal einen Schups, so schlimm ist die doch bestimmt nicht, wirst sehen, das wird schon gut werden.

„Allerdings müssen wir dir noch ein Hotel besorgen, am besten eins in der Nähe unseres Appartements“, hörte ich Ingrid sagen.
„Klar, Hotel na sicher, kann ich mich drum kümmern“, stotterte ich herum.

„Nein, warte mal ab. Ich frage erst mal das Institut. Sie stellen mir nämlich auch eine deutsch sprechende Reisebegleiterin zur Verfügung. Die kennt bestimmt ein passendes Hotel, ich werde ihr gleich mal ein Mail schicken“, sagte Ingrid und vermerkte sogleich eine Notiz auf einem geben Haftzettel.

Mittlerweile war es schon weit nach neunzehn Uhr und wir hatten noch nicht über meine Sensuitis gesprochen.

 Als Ingrid den Zettel auf ihren Monitor klebte, bemerkte sie fast ein wenig beiläufig, „wenn wir dein Problem mit der Nase nicht in den Griff kriegen, kannst du die Reise allerdings vergessen“, dabei schaute sie mich zum ersten Mal sehr ernst an.

„Was heißt das konkret?“
„Neben deinen akuten Beschwerden ist deine Sensuitis inzwischen chronisch. Das Positive, das hat meine Untersuchung ergeben, nach wie vor hat sich keine Fehlstellung in der Nase entwickelt und von daher ist eine operative Maßnahme nicht erforderlich. Aber, wir müssen dein Immunsystem wieder stabilisieren. Dass bedeutet, du musst den Tee über einen längeren Zeitraum trinken und zwar ganz konsequent. Du solltest ihn erst absetzten, wenn ich dir das verordne.“

Ein riesiger Stein, besser gesagt ein Brocken fiel mir vom Herzen. Irgendwie sah ich mich schon auf dem OP-Tisch liegen, ein Weißkittel machte sich an meiner Nase zu schaffen, ich wachte aus der Narkose auf und hatte lauter Tampons in meinen Nasenöffnungen. Nicht, das Tampons mir unbekannt oder unangenehm wären, aber in der Nase? „Okay, okay, das mache ich, das verspreche ich dir, Ingrid“, hörte ich mich kleinlaut sagen.
„Stell mir nur einen netten Tee zusammen, und ich werde ihn ganz sicher so lange trinken, wie du es für angebracht hältst.“
“Braves Mädchen, wirst merken, wie er dir helfen wird.“
Mit diesen Worten widmete sich Ingrid ihrem Computer und begann anhand ihres ausgeklügelten Programms meine Teemischung zusammenzustellen. Wenige Minuten später setzte sich ihr Drucker in Bewegung und mein Rezept war fertig.

„Die Apotheke am Rudolfplatz stellt dir die Mischung zusammen. Und wie du den Tee zubereiten musst, weißt du noch? Oder soll ich dir das noch mal erklären?“

„Na hör mal, diese Zeremonie habe ich so was von drauf, das sage ich dir.“ „Denk über die Mitreise nach Beijing in Ruhe nach, Lena. Ich werde im Internet die Flüge checken und mich wegen des Hotels erkundigen. Dann melde ich mich bei dir und wir sehen weiter.“

Ulrich, mein Mann

Ulrich hatte einen langen Tag im Büro, als er gegen zwanzig Uhr nach Hause kam. Schon im Treppenhaus war er sofort präsent, dieser Duft, er war fremd, aber auch ein wenig vertraut.
War er ein Versprechen für ein leckeres Abendessen oder nur Vorbote für etwas Unangenehmes? Ulrich war sich da nicht sicher. Vielleicht hatte die Belastung des Tages seine Sinne ja ein wenig getrübt. Er war auf jeden Fall neugierig geworden, was da auf ihn zu kommen würde.
Als er die Wohnung betrat, ging sein Blick direkt in die Küche, aber da waren keine Töpfe oder Pfannen im Einsatz, dafür war der Duft viel stärker.
„Lena bist du hier?“ „Ja, hier hinten im Arbeitszimmer.“
Beim Anblick seiner Frau war ihm schnell klar, dass es Lena schon wieder erwischt hatte.

„Sag mal, was ist denn das für ein ausgefallener Geruch in der Wohnung?“
„Erinnerst du dich an die chinesische Teemischung, die Ingrid mir damals verschrieben hatte?“

Ulrich schien sich zu erinnern, denn er nickte heftig mit dem Kopf. Daraufhin erzählte ich ihm, dass Ingrid eine erneut aufgetretene Sensuitis diagnostiziert hatte und mein Immunsystem mit dem Tee stabilisieren wollte.

„Deshalb habe ich heute wieder mit der Teekoch- Zeremonie angefangen.“ „Wenn es dir hilft. Aber der Geruch ist wirklich nicht vom Feinsten“. „Da musst du jetzt durch, mein Lieber, diesen lieblichen Duft wirst du ganz sicher für einige Zeit in der Nase haben. Außerdem weißt du ja, wenn es mir gut geht, geht es dir auch gut.“
Ulrichs viel sagendes Griesen war nicht übersehen.

Was er jetzt wohl denkt? fragte ich mich. Ist aber doch wahr, wenn es mir gut geht, dann läuft der Laden eben reibungslos, und der Herr muss sich um nichts mehr kümmern. Kann sich an den gedeckten Abendbrot-Tisch setzen, holt morgens das frisch gewaschene und gebügelte Hemd aus dem Schrank und wählt sein Frühstück ganz genüsslich aus dem vollen Kühlschrank. Und von dem bisschen Haushalt wollen wir ja mal gar nicht erst anfangen.
Oh, oh, Lena, jetzt aber bitte keine Generalabrechnung. Dein Mann hat sich nur nach dem Geruch erkundigt. Und du, was machst du? Für Abrechnungen jeglicher Art ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, rieten meine Kobolde.

„Spaß beiseite“, setzte ich die Unterhaltung fort, „ich möchte gerne ein anderes Thema mit dir besprechen. Übrigens im Backofen wartet noch eine Lasagne auf dich.“ Bei dem Wort Lasagne funkelten seine Augen und sofort merkte ich, wie ihm das Wasser im Munde zusammen lief und er ganz leicht anfing zu schmatzen.

Der Urinstinkt der Männer setzt ein, mit Essen kriegste sie fast alle, meldete sich meine Kobolde.
„Lass uns in die Küche gehen. Wenn du isst, kann ich dir von meinem Vorhaben erzählen.“ „Vorhaben?“

Als könne er es kaum abwarten, in Nullkomma-Nichts saß Ulrich auf dem Küchenstuhl. Was war jetzt eigentlich stärker, sein Appetit oder seine Neugierde?
Das war in der Tat eine weitere Tugend von Ulrich oder sagen wir doch besser von Männern. Kennste einen, kennste alle, so die These meiner Freundin, Anne. Und die muss es ja schließlich wissen, denn Anne ist Psychologin. Sie sagt immer: Männer sind noch viel neugieriger als Frauen. Das darf man natürlich keinem Mann erzählen, der würde ja aus lauter Opposition entrüstet aus seinem, ach so feinen, Anzug kippen. Aber die Erkenntnis von Anne ist nun einmal richtig. Würde gerne wissen, wie viele Beispiele Frauen, egal ob verheiratet oder nicht, dazu beitragen könnten. Und Ulrich ist eben auch nur ein Mann.

Ich wusste also nicht, welcher seiner Urinstinkte,  Essen oder Neugier, die Oberhand gewann, doch das war für den Moment auch nicht so wichtig.

Ich setzte mich zu ihm an den Tisch und erzählte über die Möglichkeit, die Perlenketten in China zu kaufen.
„Das ist ja phantastisch, was gibt es da zu überlegen? Wer weiß, was sich vor Ort noch für weitere Möglichkeiten ergeben. Ich an deiner Stelle würde Ingrid sofort zusagen.“ „Ja, meinst du?“

„Und außerdem hast du das mehr als verdient. So pflichtbewusst wie du bist. Bist immer für alle da, nicht nur für deine Kunden, auch für mich.“
Was war denn jetzt los? Kann der Gedanken lesen?
Ich war schon ein wenig fassungslos, sprach da gerade mein Mann Ulrich zu mir – hatte ich da richtig gehört? „Mach das – das tut dir nur gut“, hörte ich seine erneute Bestätigung.
„Aber da ist noch ein kleines Problem, denn wir reisen nicht zu zweit. Ingrid will ihre alte Schulfreundin Angelika mitnehmen. Sie ist Lehrerin und sicher so gar nicht auf meiner Wellenlänge, soll ich mir das antun?“
„Was heißt denn antun? Kennst du sie überhaupt?“
„Nein, eigentlich nicht.“
„Aha. Überleg doch bitte, das ist mit Sicherheit die Lösung deines Problems und du bleibst mit ‚International Cosmetics’ weiterhin im Geschäft. Außerdem meine Liebe solltest du in deinem Alter dein Lehrervorurteil endlich über Bord werfen.“
Insgeheim musste ich ihm zustimmen – und eigentlich stand mein Entschluss auch schon fest.
Wahrscheinlich wollte ich von ihm nur noch einmal die Absolution – oder so was in der Art – bekommen.

Spontan drückte ich Ulrich einen fetten Schmatzer auf die Wange und hatte völlig vergessen, dass da gerade die Lasagne verarbeitet wurde.
Macht nix, wir sind ja vor fast nix fies, meldeten sich meine Kobolde, diesmal in Ruhrpott-Deutsch.

Wie ein kleines Honigkuchen-Pferdchen grinste er mich aus seinen rehbraunen Augen an und mein „danke für die Unterstützung Ulrich“, machte ihn in diesem Augenblick ganz sicher zum glücklichsten Honigkuchen-Pferdchen in ganz Köln.

Das Telefon störte unsere Idylle, es klingelte gnadenlos und unablässig.
„Ich geh schon, Ulrich, iss du nur in Ruhe zu Ende“, abrupt stand ich auf und wartete seine Antwort erst gar nicht ab. „Lena Lüders guten Tag, was kann ich für sie tun?“

„Hallo Lena, hier ist Ingrid. Meine Güte, was hast du am späten Abend noch für einen geschäftlichen Ton?“
„Ingrid, hallo und guten Abend, entschuldige, ich war gerade auf einem ganz anderen Trip. Hatte übrigens auch was mit dir zu tun.“

„Ach, interessant. Lass mich mal tippen, ich sage nur Beijing.“
„Richtig. Ulrich und ich haben gerade über dieses Thema gesprochen.“

„Entnehme ich deiner fröhlichen Stimme, dass du mitkommst?“
„Ich kann aber auch gar nichts vor dir verbergen. Dabei wollte ich dir mein Mitkommen so schön verkaufen.“

„Liebelein“, da war er wieder, der kölsche Gattungsbegriff. „Wir sind doch Seelenverwandt, hast du das schon vergessen? Verbergen kannst du vor mir, na sagen wir einmal, fast nichts und verkaufen musst du mir schon rein gar nichts.“

„Ja, ich komme mit – auch wenn ich dir das gerne auf meine Art präsentiert hätte.“
Nonchalant ging Ingrid über meinen Einwurf hinweg und teilte mir stattdessen die Ergebnisse ihrer Recherchen mit. Das Institut hatte ein Zimmer im PLAZA für mich reserviert und bei Air-China eine Platzreservierung aufgegeben. „Aha“, weiter kam ich nicht, denn Ingrid fuhr unmittelbar fort: „Gestern Abend habe ich übrigens mit Angelika telefoniert. Sie ist völlig einverstanden, wenn du mit fliegst. Sie kennt dich zwar nicht, steht aber auf dem Standpunkt, wenn wir Beide – also du und ich – uns gut verstehen, dann wird sie sich ganz sicher auch mit dir verstehen.“

„Klingt logisch. Da merkt man die Lehrerin.“
„Ach Lena, Liebelein, auch Lehrerinnen sind doch nur Menschen“, ihr lautes Lachen schallte an mein Mittelohr. „Will nur sagen, es ist alles geregelt. Du musst dir jetzt nur noch ein Visum besorgen. Am besten fährst du selbst nach Bonn, so lange die Botschaft noch dort ansässig ist, dann geht das schneller.“
Muss ich bei der Visums-Beantragung noch irgendwas bedenken? Die Frage stellte ich mir eigentlich selbst. „Denk an ein Passbild und daran, dass du deinen Beruf angeben musst.“
Die Chinesen wollen aber auch alles ganz genau wissen. Neugierig, wie sie sind, eigentlich typisch deutscher Mann  – willkommen im Club, fanden meine Kobolde, aber ich sagte: „Gut, Ingrid, ich werde gleich morgen früh alles in die Wege leiten. Erst mal vielen Dank für deine Unterstützung.“ „Ist schon In Ordnung. Bevor ich’s vergesse, was macht eigentlich dein Kopf?“

„Oh, der hat den Tee nur schon gerochen und schwups, hat er mir signalisiert, mir geht’s gut – alles klar.“
„Ich liebe ja deinen Humor, Lena, aber das war eine ernste ärztliche Frage und ich erbitte darauf auch eine entsprechende Antwort.“
„Ja, Frau Doktor. Ich habe heute einen ganzen Liter Tee getrunken, entsprechend häufig musste ich zur Toilette – soll ich etwas zu meinem Stuhl sagen?“
„Nein.“
„Ich merke eine leichte Besserung über der linken Augenbraue und mein Auge gleicht nicht mehr ganz dem eines Preisboxers, zufrieden?“
Ingrid amüsierte sich köstlich über meine Ausführungen verzichtete aber darauf, weitere Details zu erfragen.
„Ich merke schon, du wirst wieder ganz die Alte, also mach so weiter – und immer schön trinken, Liebelein.“
„Okay, liebe Frau Doktor, ich befolge deinen Rat – schließlich muss ich ja für Beijing fit werden.“
„So ist es. Tschö und grüß mir Ulrich.“
Nachdem wir unser Telefonat beendet hatten, fühlte ich zum ersten Mal, dass ich Beijing tatsächlich ein ganzes Stück näher gekommen bin.

Frau Burghoff- Isenstolz

Gott war das wieder langweilig. Die nervige Frau Burghoff- Isenstolz lamentierte endlos, meine Güte.
Ist das eigentlich jetzt so wichtig, ob sich die Schule drei oder fünf Computer anschafft? Pädagogisch sinnvoll hin oder her. Wer soll die bedienen? Im Kollegium ist doch wirklich niemand, der das kann. Frau Burghoff-Isenstolz, kommen sie mal zu Potte. Sie argumentieren ja wie ein Manager, wo bleibt da die Pädagogin, die sie angeblich immer sind, ich kann es bald nicht mehr hören, die Forderung nach wirtschafts-orientierter Ausbildung. Mein Gott wir sind ein Gymnasium und keine Managerschule, hätte Angelika ihrer Kollegin am allerliebsten an den Kopf geworfen.

Doch das war unmöglich. Nicht nur, dass diese bis in die Haarspitzen gekränkt gewesen wäre, ihre Einwände hätten auch überhaupt keinen Erfolg gebracht. Wenn die einmal anfing zu reden, hörte sie vor einer halben Stunde garantiert nicht auf.

Die Konferenz sollte ja auch nicht mehr ewig dauern, abwarten war jetzt die Devise.
Angelika nahm ihre vor sich stehende Teetasse, lächelte nett in die Runde und lächelte Frau Burghoff-Isenstolz noch ein wenig netter an.

Beim Blick in ihre Teetasse vergaß sie plötzlich ihre Konferenz, ihre Kollegen und sogar die nervige Frau Burghoff-Isenstolz – stattdessen war sie in Gedanken auf den Straßen Beijings unterwegs.

Sie malte sich Häuser, Straßen und Menschen aus, beschritt den Platz des Himmlischen Friedens, wandelte durch die verschlungenen Gänge der Verbotenen Stadt und ging im Geiste auf der Großen Mauer spazieren. Nicht, dass sie schon einmal in China beziehungsweise in Beijing gewesen wäre. Nein, Angelika hatte ihre Eindrücke aus den vielen Büchern gewonnen, die sie über China gelesen hatte. Und außerdem unterrichtete sie Geografie, da muss man schon wissen, wie es in der Welt um Land und Leute bestellt ist. Schon bald sollte sie also das Land ihrer Träume live und in Farbe selbst erleben dürfen.

Überraschend hörte sie ihren Namen und stellte fest, dass sie sich nicht in einem chinesischen Teehaus befand und Pur-Er-Tee trank, sondern, dass sie in Buxtehude an einer Lehrerkonferenz teilnahm und in ihre Tasse mit Resten von Pfefferminztee schaute.

„Frau Brett-Schuster“, sie hörte ihren Namen.
Verwirrt sah sie in die Richtung, aus der die Stimme erklang. Es war ihr Schuldirektor Dr. Helmut Schwertfeger. „Ja, Herr Direktor?“
„Frau Brett-Schuster, ich wollte auch von ihnen wissen, ob sie damit einverstanden sind, wenn wir das Thema Computer bis nach den Sommerferien  vertagen?“ „Sommerferien, vertagen“, stotterte Angelika. „Das klingt gut, damit bin ich einverstanden.“
“Gut, meine Herrschaften, liebe Kolleginnen und Kollegen, dann schließe ich die Konferenz für heute. Ich wünsche ihnen allen einen schönen Urlaub, erholsame Sommerferien und kommen sie mir ja gesund und munter wieder.“
Ein fröhliches Stimmengewirr wurde laut, und es unterschied sich eigentlich nicht wesentlich von dem ihrer  Schüler, wenn sie ihren letzten Tag haben und wissen, ab morgen hast du Schulferien, dann bist du frei. Welt wir kommen.

So oder ähnlich fühlte sich auch Angelika. Einerseits war sie frei, obwohl ihr die Trennung von ihrem Mann doch nicht so leicht fiel, wie sie sich das selbst eingestehen wollte.

Ich finde, ich habe mich völlig korrekt verhalten. Schließlich musste ich doch konsequent reagieren und ihn vor die Türe setzten, wenn der eine Freundin hat. Mit diesen Gedanken betrat Angelika ihre Lieblingsbuchhandlung. Sie ging aber nicht, wie so oft, zu der Rubrik „Selbsthilfe“, sondern zur Abteilung „Fremde Länder“. Zielsicher durchquerte sie die zweite Etage und platzierte sich vor das Asien-Regal mit dem Reiseführern: Thailand, Burma, Shanghai, Vietnam, Indien, Kambodscha und dann endlich Beijing.

Meine Güte, die sind aber heute so was von unordentlich, da findet man sich ja gar nicht zurecht, muss dringend mal aufgeräumt werden.
Mit einem riesigen Stapel Beijing-Reiseführern unter dem Arm machte sie sich, immer noch leicht vor sich hin schimpfend, auf den Weg in die kleine Bistro-Ecke. Sie bestellte einen Milchkaffee und schnappte sich den dicksten Beijing-Wälzer, der umfangreiche Geschichts- und Geografie-Teile beinhaltete. Das war ihre Welt. Kein touristischer Schnickschnack, sondern fundiertes Wissen über die Ming-Dynastien und wissenschaftliche Abhandlungen über die Verbotene Stadt.

Ingrid wird sich ja hauptsächlich um ihre Fortbildung kümmern und was ich über Lena weiß, ist ja eigentlich nicht viel. Ob die sich als Frau der Wirtschaft überhaupt für so was interessiert? Angelika wagte dies zu bezweifeln. Und ebenfalls, ob eine chinesische Reiseleiterin tatsächlich so informativ sein könnte, auf all ihre Fragen einzugehen. Eine gute Vorbereitung sah sie folglich als ihre Aufgabe an, deshalb vertiefte sie sich weiter in die Bücher.

Zwei Stunden später stand sie in ihrem, um die Ecke liegenden Lieblingsladen, einem Geschäft für Modeschmuck. Mit geschultem Blick durchforstete sie rasch das Warenangebot. Vor dem großen Spiegel betrachtete sie die eben angelegten Kreolen und die Ketten mit den großen Perlen. Alles erinnerte irgendwie an Klunker, doch das störte sie nicht im Geringsten. Stattdessen lächelte sie ihrem Spiegelbild entgegen, war mit dem Ergebnis sichtlich zufrieden und dachte: Beijing – ich bin bereit!

Beijing – ich komme!

Endlich war er da, der Tag des Abfluges. Überpünktlich, wie das nun mal meine Art ist – denn bei Kundenbesuchen, Gesprächen, Workshops, Beratungen oder sonstigen Veranstaltungen – bin ich stets weit vor der vereinbarten Zeit an Ort und Stelle und schaue mir die Örtlichkeiten vorher an.

In gewohnter Manier stand ich also auf dem Bahnsteig des Kölner Hauptbahnhofes und wartete, nicht nur auf den ICE zum Frankfurter Flughafen, sondern auch auf meine beiden Begleiterinnen.

Ingrid, so lieb, nett und umsorgend sie ist, aber Pünktlichkeit zählt nicht zu ihren Stärken. Sie rauscht immer in letzter Minute ein und wirkt dabei stets abgehetzt. Ich war gespannt, ob das jetzt anders sein wird.
Zum Zeitvertreib spazierte ich im Walking-Tempo auf dem Bahnsteig. Mit strammen Schritten zog ich den quietschenden Koffer – ich hatte vergessen die Rollen zu ölen – hinter mir her. Die umstehenden Reisenden bedachten die Geräusche mit kritischen Blicken.
Lass die doch denken, was sie wollen, die fahren sicher nur noch Bad Neuenahr und nicht nach Beijing, meldeten sich meine triumphierenden Jungs.
Insgeheim musste ich über mich schmunzeln. Meine innere Stimme, meine Kobolde, meine Jungs, wenn wir uns nicht hätten, wäre mein Dasein um einiges ärmer.

Während des Walkens hielt ich auch nach Angelika Ausschau und Ingrids Worte kamen mir wieder in den Sinn: „Sie ist nicht sehr groß, so ein Meter sechzig, hat braune, mittellange Haare, kleidet sich gerne sehr auffällig, sie liebt Rüschen und Volants – und die am besten überall –, aber ihr eigentliches Markenzeichen ist Schmuck, viel Schmuck. Sie trägt an jedem Finger wenigstens einen Ring, hat eine Vorliebe für übergroße Ohrringe und sie raucht Zigarillos.“ Doch so jemanden konnte ich nirgends entdecken.
Mein Handy meldete sich.
„Hallo Liebelein, ich werde mich ein wenig verspäten. Freu mich sehr. Gruß I.S.“ Bei Ingrids SMS musste ich grinsen. Ach Lena, sprachen meine Kobolde, so sind sie halt die Menschen. Die einen sind überpünktlich, die anderen etwas sehr zeitig und die dritten?
Kaum hatte ich den Gedanken zu Ende gedacht, als ich ein wildes Trippeln vernahm.
Woher kam das Geräusch? Ich schaute mich um und sah eine mittelgroße Frau mit mittellangen Haaren.
War sie das? Aus sicherem Abstand beobachtete ich wie die Frau Koffer und Reisetasche abstellte und aufgeregt in ihrer Handtasche kramte. Augenblicklich begann es wild an ihr zu klimpern. Die Armbänder schlugen aneinander, die Ringe stießen gegeneinander, die Ketten baumelten und klirrten bei jeder Berührung, nur die Ohrringe, die bewegten sich ganz sanft hin und her.
Das erinnerte mich an einen Christbaum, dachte ich. Genüsslich zog die Beobachtete an ihrem Zigarillo und das natürlich in dem eigens für Raucher ausgeschilderten Bereich.

Das muss sie sein. Da bin ich mir sicher.
Eine Lehrerin, die an einen über und über dekorierten Tannenbaum erinnert. Das kann ja heiter werden.
Lena, ermahnten mich meine Kobolde, was hast du deinem Mann versprochen und überhaupt jetzt sind alle Bedenken, eh zu spät. Da musst du jetzt durch – also reiß dich zusammen.
Zugegeben, meine Jungs sahen den Tatsachen klar ins Auge, und ich machte mich auf den Weg zu ihr.
„Sind Sie Angelika?“ fragte ich mein Gegenüber, bewusst zwei Oktaven höher als sonst – denn das verleiht Frauen ja immer so etwas Unschuldiges – dazu setzte ich mein nettestes Lächeln auf.
„Ja, das bin ich – ich bin Angelika. Woher… ?“
Sie kam nicht mehr dazu, ihren Satz zu beenden, denn die Rheinländerin in mir musste sofort etwas klarstellen: „Prima, dann können wir auch ‚du’ sagen. Ich bin Lena. Lena Lüders. Wir fliegen ja jetzt zusammen nach Beijing.“

Angelika griente, legte ihren Kopf leicht zur Seite – wie das die meisten Frauen machen – und schaute dabei von unten zu mir hinauf. Fünfzehn Zentimeter Größenunterschied machten sich deutlich bemerkbar. Unangenehm war mir die Situation nicht – das konnte ich nicht leugnen.

Zur Begrüßung gaben wir uns die Hand. Sofort begann es zu bimmeln, zu klimpern und zu klirren und ihr Qualm hüllte mich so langsam ein.
„Woran hast du mich erkannt?“ „An deinem Zigarillo.“

Meine Höflichkeit ließ es nicht zu, dass ich ihr gleich hier und jetzt meinen Kommentar zu ihren christbaumähnlichen Accessoires mitteilte. Das musste warten, und ich musste husten.
„Oh, entschuldige bitte.“ Sie fingerte wild in der Luft, um den Qualm von mir abzuwenden. Doch da lagen die fünfzehn Zentimeter zwischen uns. Unbeholfen sprang sie in die Höhe und war sichtlich bemüht, mir reine Luft zu verschaffen.
„Du rauchst nicht?
„Nein, ich treibe Sport und außerdem ist Rauchen ungesund. Doch das weißt du sicher selbst.“
Angelika nickte vielsagend und rauchte dabei fröhlich weiter.
„Dein Koffer ist aber ganz schön groß. Ist der voll?“ versuchte ich das Gespräch in eine andere Richtung zu bringen.
„Ja, klar. Ich hab mich auf alles eingestellt: Oper, Museum, Abend-Show, Theater, Restaurants, da brauchst du doch für jedes Kleidungsstück die passenden Schuhe und die Pumps, die nehmen ja unheimlich viel Platz weg.“
Warum sie jetzt ihren Fuß anhob und auf ihre orangefarbenen Pumps zeigte, mit denen sie so gekonnt trippelte, war mir nicht ganz klar.
„Wir gehen doch nicht auf eine Kreuzfahrt, wir fliegen nach Beijing“, schoss es unkontrolliert aus mir heraus.

„Liebelein, hallo.“
Unverkennbar, es war Ingrid. Mit der einen Hand winkte sie uns zu, mit der anderen Hand zog sie ihren Koffer hinter sich her. Fast stürzte sie auf uns zu, nahm zuerst mich fest in ihre Arme und rief unüberhörbar: „Liebelein, es ist so schön, dich zu sehen und dass du mit fliegst.“

„Ich freu mich auch dich zu sehen und bin dir sehr dankbar, dass ich zusammen mit euch diese Reise mache.“ Angelika stand neben uns, hörte zu und blickte etwas verändert drein.

Ingrid herzte sie ebenfalls, stockte aber, als die Lautsprecherdurchsage unseren Zug ankündigte.
„Das war aber mal wieder knapp.“
An dieser Stelle entschied ich mich, aus diplomatischen Gründen sozusagen, das Gesagte einfach im Raum stehen zu lassen.

Minuten später fuhr der ICE fast lautlos in den Bahnhof ein. Wie freitags üblich war der Zug übervoll. Da konnte man von Sitzplätzen nur träumen. Also zerrten wir unser Gepäck in das Bistro, klemmten uns auf eine gepolsterte Sitzleiste und drapierten unsere Koffer um uns. Unser Zug setzte sich in Bewegung und wir kamen Beijing unaufhaltsam näher.

„Jetzt muss ich erst was trinken. Was möchtet ihr denn?“ fragte Ingrid in die Runde.
„Für mich bitte nichts, ich habe meinen Tee dabei.“
„So ist recht, Liebelein, immer fleißig trinken, der wird dir helfen. Deine Augen sehen übrigens wieder völlig normal aus“, diagnostizierte Ingrid von der Seite auf mich blickend. „Ich nehme einen Milchkaffee. Und du, Liebelein, was trinkst du?“

„Ich auch.“

Nachdem wir das obligatorische Thema ‚Wetter’ abgehandelt hatten, starrte Ingrid auf die um uns stehenden Koffer.
„Wem gehört denn der Dicke dort?“ und sprach gleich weiter, „das ist doch sicher deiner Angelika, stimmt’s? Der ist aber nicht voll, oder, Liebelein?“

Mit einem Schlag stieg eine leichte Blässe in Angelikas Gesicht auf. Was war denn jetzt los? Habe ich irgendetwas nicht mitgekriegt oder etwas falsch verstanden?
Sie hüstelte zwei Mal, erhob ihre Stimme und sagte in einem sehr strengen Ton, so wie das für Lehrerinnen anscheinend üblich ist: „Ingrid, bisher habe ich gedacht, ‚Liebelein’ sagst du nur zu mir. Das wäre Ausdruck unserer Verbundenheit, das hätte etwas damit zu tun, dass wir uns schon so lange kennen. Jetzt muss ich feststellen, dass du auch Lena ‚Liebelein’ nennst. Und das mag ich überhaupt nicht. Kosenamen sind nun mal für einen Menschen bestimmt und nicht für zwei, drei oder noch mehr. Ich möchte dich daher ab sofort bitten, mich bei meinem Vornamen zu nennen. Und mein Koffer der ist voll, ja.“

Das hatte gesessen.
Betreten und leicht verunsichert schaute jede von uns in eine andere Richtung.
Meine kleinen inneren Kobolde sprangen vor Begeisterung in die Höhe. Debatten, Auseinandersetzungen oder gar Zoff waren genau ihr Thema.
Doch das war unmöglich, das ging ganz und gar nicht. Es durfte nicht schon nach zehn Minuten Zugfahrt Zickenalarm geben. Ich musste das verhindern.

„Weißt du, Angelika“, ich sprach betont langsam und wählte eine tiefere, vertrauenserweckende Tonlage, „es ist so, dass wir in Köln zu Menschen, die uns lieb und wert sind ‚Liebelein’ sagen. Es ist ein herzlich gemeintes Kosewort“, versuchte ich unsere Kommunikation wieder in die rechte Bahn zu leiten. „Und Ingrid hat dich sicher nicht kränken wollen. Sie wertschätzt dich sehr, dass weiß ich. Aber sieh es doch mal so: Sie lebt schon so lange in Köln und die meisten ihrer Patienten sind ganz sicher Ur-Kölner, da nimmt man halt auch die Geflogenheiten der Sprache an.“ Versöhnlich drückte ich ihren Arm und wartete ab.

Es dauerte schon eine ganze Weile bis, „kann ich ja verstehen“, kleinlaut aus ihr heraus brach, „aber geärgert hat es mich trotzdem.“
„Wollte ich wirklich nicht“, schaltete sich Ingrid ein. „Tut mir auch echt leid, Lie… Angelika, wird nicht wieder vorkommen, das verspreche ich.“
Wieder entstand eine längere Pause.

„Ich wollte dir auch nicht mit deinem dicken Koffer zu nahe treten. Ich wollte eigentlich nur fragen, ob du weißt, dass man in Beijing sehr gut und sehr günstig einkaufen kann?“ „Günstig einkaufen, davon habe ich auch schon gehört. Aber was heißt schon günstig? Manchmal stellt sich das Günstige doch als das Teure heraus. Und welche Qualität steckt denn überhaupt dahinter? Also ich bin bei Qualitäten schon sehr wählerisch, ich kauf da nicht jeden x- beliebigen Firlefanz. Das muss ich mir ganz in Ruhe und vor Ort anschauen.

„Ja, ja sicher. Dazu, liebe Angelika, wirst du ausreichend Gelegenheit haben“, sagte Ingrid versöhnlich.
„Und die kulturellen Stätten dürfen wir nicht vergessen. Schließlich muss ich meinen Schülern ausführlich über die vielen Sehenswürdigkeiten berichten.“ „Natürlich. Unsere chinesische Reiseleiterin wird uns hier zur Seite stehen. Aber du solltest deinen Schülern ebenso etwas über das chinesische Essen erzählen. Denn keine andere Küche in der Welt schenkt uns so viel Glückseligkeit, wie die chinesische. Und das könnte auch das Motto unserer Reise sein“, sagte Ingrid vielsagend und schaute dabei abwechseln von Angelika zu mir.

Zugegeben, er sah schon außergewöhnlich fesch-exotisch aus, der junge Mann … wie es weitergeht könnt Ihr im nächsten Teil (2) lesen.

 
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