Wahre Lebenskünstler

Wahre Lebenskünstler

Kennt Ihr auch so richtig wahre Lebenskünstler? Ich ja! Meinen bin ich vor einigen Jahren begegnet, als ich einige Zeit im Norden Deutschlands gelebt habe. Unweit von Orten, in denen andere Menschen zum Urlauben oder ausruhen hinfahren. Hierhin hat es auch die Beiden verschlagen, obwohl sie eigentlich aus den Bergen kommen.

Udo ist leidenschaftlicher Musiker und ich finde, er ist ein wahres Genie. Er spielt Keyboard und singt dazu in fast allen Sprachen, obwohl er keine davon wirklich beherrscht. Er beherrscht allerdings die Tonalität der Sprachen und so klingt französisch – obwohl man den Text nicht versteht, – halt wie französisch.
Thea ist eine echte Handarbeitskünstlerin – sie strickt bildschöne Trachtenjacken, häkelt anspruchsvolle Tischdecken und sie näht. Und zwar Dirndl und Uniformen, wie zum Beispiel für Feuerwehrmänner. Wer sich mit dem Schneidern ein wenig auskennt, der kann sich vielleicht vorstellen, was es heisst Herren-Uniformen zu nähen. Die oft dickeren und unförmigen Stoffe lassen sich in der Tat nicht so leicht verarbeiten. Doch dies war für sie kein großes Problem. Und dass, obwohl sie weder eine Schneiderlehre bzw. Ausbildung gemacht hat.

(Über)Leben

Nun lebten die Beiden, wie gesagt im Norden. Wie so oft im Leben, muss man sich manchmal mit „Beschäftigungen, gleich welcher Art“ über Wasser halten. Udo wurde hier und da als Sänger für Auftritte gebucht und Thea arbeitete in einem Hotel als Zimmermädchen und Frühstücks-Kraft. Während der Saison hatte das chronisch unterbesetzte Hotel-Personal jede Menge zu tun, denn dann kamen die Reisebusse mit den Touristen.
Eines Tages wurde plötzlich und unerwartet der Koch krank – was einem Drama gleichkam, da sich ein Reisebus mit 40 Touristen für den nächsten Tag angekündigt hatte. Die Chefin war eine gute Managerin, aber keine Köchin, lief sie fast Amok. Woher so kurzfristig in der Hauptsaison einen Koch nehmen? Ihre Verzweiflung spitzte sich zu – bis Thea ihr zusicherte, ihr Mann könne einspringen, da er ein guter Koch sei.

Udo war zwar ein leidenschaftlicher Genuss-Mensch, aber er hatte vom Kochen überhaupt keine Ahnung.
Die Erklärung von Thea war so simple wie einleuchtend: die Chefin brauche dringend Hilfe, Udo hätte Zeit, und sie hätten immer alles geschafft, was sie sich vorgenommen haben.

Nur, was macht man, wenn man Null Ahnung vom Kochen hat? Ich würde jede Menge Kochbücher wälzen!

Ab zum Supermarkt

Udo fuhr zum nächsten Supermarkt! Hier kaufte er für die Vorsuppe, das Hauptgericht inkl. der Beilagen und den Nachtisch ein.

Früh am nächsten Morgen ging er voll bepackt mit unzähligen Plastiktüten ins Hotel, schlich sofort in die Küche und schloss die Küchen-Türe ab. Aus seinen Plastiktüten fische er die Maggi-Tüte mit der Flädlesuppe und las erst einmal die Gebrauchsanweisung durch. Nahm dann einen großen Topf, gab die Menge Wasser für 10 Tüten Flädesuppe hinein und rühre mit dem Schneebesen die gefriergetrockneten Suppen ins Wasser.

Während sie dann vor sich hin kochte, las er die Anweisung auf der Maggi-Tüte für das „Zwiebel-Sahne-Hähnchen“. Der Gebrauchsanweisung folgte er nun Schritt für Schritt, bis sich alle 40 Hähnchenbrüste in den großen Auflaufformen befanden, und er sie großzügig mir Sahne übergoss und in den Backofen schob. Reis kochen hatte er schon mal bei Thea gesehen und machte es jetzt aus dem Kopf nach. Als das Wasser verdampft war und der Reis drohte anzubrennen, goss er einfach einen Schwung Wasser nach.
Die 10 Fertigsalate aus der Kühltheke gab er in einige Glasschüsseln und kippte die Fertigsoße drüber und vermengte dies anschließend.

schoko
Den Schokoladenpudding musste er kalt anrühren, in kleine Dessert-Schalen verteilen, mit jeweils einem goßen Klecks Sprühsahne versehen und ab in den Kühlschrank damit.

Als dann jemand an der Küchen-Türe klopfte, konnte er nur noch rufen, dass er beim Kochen sei nicht gestört werden dürfe. Tatsächlich stand er mitten in seinem Chaos mit den aufgerissenen Tüten. Blitzschnell stopfte er die leeren Tüten in die Plastiktaschen und versteckte sie hinter einem Schrank.

Hungrige Gäste

Um 12:30 h trafen die 40 hungrigen Gäste ein. Gemeinsam mit der Chefin und Thea trugen sie nach und nach die Speisen auf und hörten aus dem Speisesaal nur ein och, aah, hmmm… Als dann der Busfahren nach dem Essen mit der Chefin sprach und fragte, ob sie einen neuen Koch habe, denn er hätte hier noch nie so gut gegessen, wunderte sich Thea ein wenig, die Chefin war froh, Udo zeigte sich stolz und lächelte ein wenig verschmitzt.

Die Plastiktaschen aus dem Schrank entsorge Udo dann später in einem Container weit ausserhalb des Hotels.

Leider war der Hotel-Koch auch für die nächsten Tage krank geschrieben. Doch, es gab ja Udo und seine Tüten-Gerichte – was natürlich sein Geheimnis blieb.
So zauberte er Dank des großen Angebotes von Knorr und Maggi immer ein tolles Essen und alle waren glücklich!

Das zeigt, dass man mit Phantasie und Mut viel auf die Reihe kriegt.

 

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4 Comments

  • Eine schöne Geschichte, humorvoll und gut erzählt!
    Gäbe es nur mehr so Lebenskünstler wie Udo und seine Frau, die eigentlich „ganz schnell“ ein großes Prblem gelöst haben!

    • Vielen Dank liebe Maria, es freut mich, dass Dir die Geschichte gut gefällt. Ja, stimmt, es wäre schön, wenn es mehr solcher Lebenskünstler geben würde. Aber, wer weiß, vielleicht laufen sie uns (wieder) einmal über den Weg!

  • Ich finde es ganz toll, dass es jemand gab, der einfach helfen wollte. Wie er es gemacht hat war super und das braucht auch wirklich niemand wissen, wie er das genau gemacht hat. Alles war gut. Ich Liebe diese Geschichte, weil ich auch manches Mal sage „ja, mach ich schon!“ Dann denke ich „bist Du bekloppt, was hast Du dir da wieder angetan“. Aber so habe auch ich gelernt wie man über seinen Schatten springt. Deshalb werde ich weiterhin immer sagen „ja, mach ich schon!“

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